
Fangen wir mal mit JANNIS BRÜHL und „Disruption“ an und somit bei den rechten Truppen mit dem digitalen Hintergrund. Wie sich 2025 restlos jedem gezeigt hat, und das Buch von Brühl in aller Ausführlichkeit rekonstruiert, schließt sich die elaborierte und total überdrehte IT-Clique aus dem Silicon Valley mit dem MAGA Führer zu einer faschistoiden Weltmacht zusammen und geht auf einen globalen Raubzug. Das ist nicht harmlos, so wenig wie dein Smartphone harmlos ist oder das Tablet, mit dem ich diesen Text tippe. Die gesamte digitale Infrastruktur der Welt hängt von diesem Überseegespenst ab, das gerade zum Monster mutiert. Ja, hätte man schon früher wissen können, spätestens als EM anfing, hunderte Satelliten in die Umlaufbahnen zu schießen. Erlaubt hat ihm das eine amerikanische Behörde; wer hat uns gefragt?
Was fragt Brühl? Wie hat sich das entwickelt und wo führt es hin? Kapitelweise von der Disruption der Demokratie über den Staat als Start-Up bis zur Weltrevolution der Oligarchen. Ich sehe da allerdings keine Revolutionäre, nur Reaktionäre ohne Skrupel und Moral. Wir kennen diese Akteure mittlerweile, die Wölfe haben längst ihre Schafsmasken fallen lassen, wer es wissen will der weiß. Es wäre trotzdem vorteilhaft, wenn auch unsere Entscheidungsträger im politischen Milieu dieses Buch lesen. DISRUPTION ist eine neoliberale ideologische Brechstange, im Kontext der faschisstischen Machtverschiebungen extrem gefährlich. Brühl klärt das ausreichend auf.
Auch das Buch von HOLGER STARK, „Das Erwachsene Land„, kann nicht schaden. Wobei mir schwant, dass die Leute in den Machtzentren schon Bescheid wissen, weil sie ja die Quellen sind, die der Autor als Journalist über 30 Jahre hinweg befragt hat. Aber er ist auch Redakteur im deutschen Leitmedium und erreicht den liberalen Mainstream. Der mache sich auf was gefasst!
Starks Buch könnte auch heißen Goodbye America, immerhin endet mit diesen Worten der Epilog. Bis dahin verfolgen wir eine dezidierte Chronik der rechten Machtentfaltung, Fluchtpunkt Trump 2.0 bis ins Kanzleramt von Merz. Stark kennt diese Welt von innen, er war sogar von 2013 bis 2017 als Korrespondent in Washington, aber es hat sich seit Trump 2.0 viel getan. Leider, wenn man die heutigen Statements seines Leitmediums so liest, ebenso wie ihrer hochrangigen Quellen aus der Politik, scheinen die sich noch nicht durchgerungen haben zu einer nüchternen Beurteilung der Lage, am Kipppunkt der Disruptionen wird es kompliziert.
Nun hat ein Redakteur in seinem eigenen Buch mehr Raum und Luft und so liest sich Goodbye America wie eine lange Kur zur politischen Selbstbesinnung, die am Ende doch zur klaren Diagnose kommt – es ist vorbei mit der alten Liebe, die transatlantische Liaison ist Geschichte. Und dann beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch bald ein großes Problem habe, denn eines erkennt Stark in seinem Buch ohne die Scheuklappen des liberalen Leitartiklers, das ist die Gefahr eines amerikanischen Revolutionsexports, der Affe D in den Sattel heben könnte.
Was kann da helfen? Stark präferiert als Option ein europäisches Erwachsensein, das mittels Aufrüstung (Wie nur soll das gut gegen Affe D sein?) die Abhängigkeit von diesem Amerika beendet. Gut wäre das gewiss für den altbekannten militärisch-industriellen Komplex, und somit für die Amis. Aber man sollte einmal nachsehen, ob sich in diesem erwachsen werdenden Europa nicht selbst schon eine stramm rechte Front aufgebaut hat, die MAGAs Ziele verfolgt.
JANA PUGLIERIN geht in „Wer verteidigt Europa?“ diesen Fragen zwar nicht nach, dafür aber dem geopolitischen Big Game in Sachen Krieg und Frieden. Untertitel „Die neuesten Kriegsgefahren und unsere Schutzmöglichkeiten“. Aber wer ist unser? Das ungeschützt pubertäre Europa, s. Stark. De facto eine BRD, die laut Kanzler Merz eine militärische Führungsrolle einnehmen will/soll, Frankreich und Großbritannien, die über Atomwaffen verfügen, deren Einsatz (noch nicht entschieden) europäisch solidarisch sein könnte. Oder auch nicht. Wir geraten mit dieser Autorin, Expertin für Außen, Sicherheits und Verteidigungspolitik, in die gefährlichen und unsicheren Zonen der europäischen Vorkriegs-Zeitenwende.
Wie bereits erwähnt, steht die Abkehr von den Vereinigten Staaten im Raum (vielleicht, vielleicht nicht), wobei Puglierin den Verlust der atomaren Abschreckungsgewalt als entscheidendes Problem diskutiert. Oh, ich erinnere mich: Die Atombomben der Amerikaner auf deutschem Boden waren (sind?) zum Abwurf auf deutschem Terrain gedacht, um russische Panzervorstöße zu stoppen… Das problematisiert Puglierin aber nicht, sondern vor allem den Zwang, den Vance und Hegseth auf Europa (Trittbrettfahrer) ausüben und in dessen Folge Entscheidungen anstehen, oder eben ein Deal: Wir (US) sorgen für die atomare Abschreckung, ihr für die konventionelle Verteidigung, sprich Aufrüstung sprich gaaanz große Aufträge für die amerikanische Waffenindustrie.
Da sieht die sicherheitspolitische Autorin nun die EU auf einem guten Weg. Das beweist ihr der Plan „ReArm Europe – Readiness 2030“, letztes Jahr von Ursula von der Leyen vorgestellt. Der Plan sieht bis 2029 über 800 Milliarden Euro vor, für Aufrüstung. Warum gerade Readiness 2030? Ready für den Frieden? Ready für den Krieg? AUFGEPASST. Europa muss aufrüsten, weil Vance und Trump das wollen. Gegen wen bleibt relativ offen, aber die NATO-Reflexe funktionieren noch. Krieg und Frieden, Freund und Feind, das ist heutzutage so nebelhaft wie der Präsident. Und so geraten wir immer tiefer in unsichere Zeiten, in denen die Autorin einen Kompass bieten will.
Ich bleibe trotzdem in ihrem Diskursgelände irritiert, wenn ich solche beiläufigen Sätze lese: „Viele nationale und europäische Regelwerke und Verfahren sind noch immer auf Friedenszeiten ausgelegt – sie bremsen dort, wo im Kriegsfall Tempo und Flexibilität gefragt wären.“ In Friedenszeiten bin und bleibe ich auch noch ausgelegt, vielleicht fällt mir die Lektüre dieses an militärischen und geostrategischen Abwägungen, Erörterungen, Einordnungen und Spekulationen reichhaltigen Buches deshalb so schwer. Oder weil es solche Sätze sind, die im Puglierin-Kompass auspendeln:
„Trotzdem bleibt die Realität ernüchternd: Europas Straßen, Brücken und Schienennetze sind bislang kaum dazu geeignet, darauf Panzer, Fahrzeuge und Soldaten zügig von West nach Ost zu bewegen. Denn sie wurden ja geplant, ohne diese Notwendigkeit im Blick zu haben.“ Stimmt hier die Richtung?
Ich muss zugeben, sicherheitspolitisches Sachwissen ist mein täglich Brot nicht, im Gegensatz zur Autorin, sie ist Leiterin des Berliner Büros des Council on Foreign Relations. Aber mir kommt es so vor, als sei das mit der Theorie der Foreign Relations ähnlich wie mit der Wirtschaftstheorie, sie weiß was sie wissen will. Das Buch findet sicher dankbare Leser, aber ich habe hier den Weg zum Frieden noch nicht gefunden.

