Lesen & Schreiben

SICHTEN was ich geschrieben habe: Print Radio Online, mit Link zum Original. SCHREIBEN was ich lese: Bücher – Themen – Kontexte. Inspirierte Vernetzung statt Stilkritik, anekdotische Auffrischung statt Inhaltsangabe. Auf dieser Seite also flash style review, machmal auch Lektüren im Kontext und Links zum Original

Politisch Politisch

Politische Ökonomie interessiert mich, vor allem wenn sie Klimawandel „macht“. Bei Ansell ist die Grundthese: Jeder Mensch ist egoistisch. So fokussiert die Analyse auf die Interpretation von Eigeninteressen, auf die wiederum die Politik einwirken kann. Politik adressiere den Willen des Individuums, das naturgemäß das kollektive Interesse unterläuft. Und hier sieht er die Politik gefordert. Auf 480 Seiten mit Sachregister zeigt er in den Themenbereichen Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit und Wohlstand, wie die Politik leider versagt und den vernünftigen Kompromiss nicht erreicht. Jedes der fünf Themen hat ein Kapitel und beginnt mit einer Anekdote, dann kommt 2. Was bedeutet Demokratie? 3. Die Demokratiefalle. 4. Der Weg aus der Demokratiefalle. Und so auch bei den anderen. Es gibt zu lernen – mehr über sozialdemokratisches Politikversagen, weniger über die Klimafrage. Der Autor ist sehr bedacht auf sein Schema, die akademische Flugbahn hoch und die Bodenhaftung fehlt: „Unser Egoismus“ oder „ihr Egoismus“? Das bleibt die Frage.     

Cover Table Ansell
Cover Table Pierre Charbonnier

Politische Ökologie ist die härteste Nuss der gegenwärtigen Theoriebildung. Sie will den Widerspruch zwischen dem Emanzipationsprojekt technische Moderne und der Selbsterhaltung der Erde auflösen und ein neues Subjekt etablieren. Das Problem: Die ökologische Krise dieser Moderne mit Erderhitzung und anderen Überschreitungen planetarer Grenzen trifft auf die noch zu erfüllenden Emanzipationsansprüche großer Teile der Menschheit. Das Problem tritt auf und wird erkannt, alleine es wird nicht gebannt – weil das kapiatalistische Subjekt des Begehrens auf dem falschen Trip ist. Immer mehr, immer weiter, immer höher, man kennt das schon. Umso interessanter ist Charbonniers philosophische Exkursion in das unbekannte Terrain eines ebenso unbekannten Subjektes, auf das ich selbst den allerletzten Rest Hoffnung setze. Das klimatische Subjekt vielleicht?  

Gender und Geist

Als kritischer Leser hänge ich an der eher altmodischen Idee des Geistes in der Literatur. Aber Literatur bewährt sich auch als Brücke zum eher neumodischen Gender-Diskurs, der weniger Geist und mehr die Körperlichkeit feiert: somatische und erotische, prekäre und queere, sexuelle und gefährliche und bisweilen auch eine ungepflegt verschlafene Körperlichkeit. So wie in den drei hier in aller Kürze vorgestellten Romanen aus der anglophonen Literaturwelt.  

Cover Table Machado
Cover Table Priya Guns
Cover Table Mossfegh

Ich habe sie Anfang dieses Jahres auf Wunsch von Duygu Agal gelesen, als „Literatur im Kontext“ meiner Reihe Literatur Aktion Wedding. Duygu war im März Gast des Abends und durfte sich drei Romane für das Vorprogramm aussuchen. Das waren die drei. Worum es sonst noch ging im literarischen Dreiklang von Gender Körper Geist und zwischen einem heterosexuellen Kritiker und einer queeren Autor:in – Hier:

Orientalismus

Das Interview mit dem großen Schriftsteller der Tschukschtschen habe ich erst kürzlich auf einem entlegenen Ordner wiederentdeckt, es war eins der ersten Interviews überhaupt das ich geführt habe. Die Übersetzerin Antje Leetz hat aus dem Russischen übersetzt und bis heute ist es noch unveröffentlicht. Dafür ist meine Rezension für literaturkritik de erhalten geblieben, dieses Forum gab es damals auch schon, und der Schamane und andere Bücher von Rytcheu sind weiterhin beim Unionsverlag zu haben. An dieser Stelle passt eine Erinnerung an den Erzähler aus zwei Welten vor allem, weil er präzise über die kolonialen Verhältnisse in der russischen Arktis schreibt und ein besonderes Zeugnis des Cultural Clash abgibt. Der von Edward Said sogenannte „Orientalismus“ hat seine Spielarten auch in der Arktis verbreitet.

„Orientalismus“, ein genialer Titel für ein revolutionäres Buch: Edward Said erforscht hier nicht den Orient und auch nicht den Islam, sondern die Orientalisten selbst. Damit dreht er den Spieß um: Bisher war es Privileg westlicher Wissenschaft und auch der Literatur, „den Orient“ und „den Islam“ zu beforschen und zu definieren. Indem „der Andere“ (Othering) symbolisch beherrscht wird, wird die kulturelle Überlegenheit des Westens begründet. Das ist Saids Ergebnis. Orientalismus sei jedoch kein philosophisches Glasperlenspiel, sondern das handfeste hegemoniale Begleitprojekt zu Imperialismus und Kolonialismus, auf deren Höhepunkt über 80% der Erde von Europäern beherrscht wurden. So viel zur Macht von Sprache, Schrift und Kultur. Der Geniestreich des in Palästina geborenen und in den USA lehrenden Philologen brauchte 3 Jahrzehnte bis zur ersten deutschen Übersetzung. 2002 erhielt Said gemeinsam mit Daniel Barenboim den Prinz-von-Asturien-Preis für seine Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung. Soviel zur Macht von adeligen Preisen. Meine Rezension in DLF Andruck.

Cover Roman Das Tor zur Sonne von Elias Khoury

Vor 20 Jahren kam „Das Tor zur Sonne“ heraus. Elias Khoury machte mit seinem Palästina-Rückehrer-Epos Furore, für mich war es der erste große Roman in meiner Tätigkeit als Kritiker internationaler Literatur. Damals waren postkoloniale Diskurse up to date und mein Leitstern waren die kontrapunktischen Lektüren von Edward Said. Wer also durch westliche Lektüren geprägt war, sollte jetzt die „Anderen“ lesen. Damals entdeckte ich auch die passenden Verlage in der Schweiz, Unionsverlag und Lenos Verlag, und auf der Frankfurter Buchmesse gab es bald auch den Länderschwerpunkt Arabische Literatur. Natürlich musste ich das Palästina-Epos besprechen. Wochenlang arbeitete ich daran für die NZZ, der Beitrag ist leider nicht mehr Online. Überlebt hat meine Khoury-Besprechung auf Qantara Und mein Artikel Rückkehr in Gedanken zur arabischen Literatur in der taz.

Lektüren im Kontext – Die Ethnografin und der Meister

Nastassja Martin: Im Osten der Träume. Dt. C. Kallscheuer. Matthes & Seitz 2024

Eine Ur-Szene im Berufsleben der Ethnografin Nastassja Martin: Die gutgläubige 20-Jährige wird von ihrem autochthonen Gastgeber in Alaska als Weiße klassifiziert, als Teil der amerikanisch-kolonialen Tätergeschichte. Sie habe dann die ganze Nacht geweint. Aber die post-koloniale Feuertaufe hat sie geläutert, denn Misstrauen und Argwohn begegnen ihr später auch im Osten der Arktis auf der Halbinsel Kamtschatka. Sie schafft es schließlich, immer wieder bei einer Gruppe in den Wald zurückgekehrter Even zu leben, zu jagen und zu fischen, zu hören und zu sehen wie die Even.“Im Osten der Träume“ ein Experiment im Geist einer ontologischen Wende der französischen Anthropologie. Das heißt: „Schluss mit dem Schema, Platz für das Leben!“ Aber da sie keine russische Evin werden kann, sondern französische Ethnografin bleibt, ist ihr Versuch des Mit-Lebens durchsetzt mit Reflexionen über das Fach, über ihren Lehrer Philipp Descola, den Öko/Soziologen Bruno Latour, die „Ökologie des Geistes“ von Gregory Bateson. Letztere empfiehlt sich zur grundsätzlichen Orientierung in ökologischen Denkweisen.

Table Nastassja Martin
Table Philippe Descola

Philippe Descola: Jenseits von Natur und Kultur. Dt. E. Moldenhauer. Suhrkamp 2011

Der entscheidende Angriff auf das westliche Denken betrifft die Trennung von Natur und Kultur. Jedenfalls im Sinne der Anthropologie von Nastassja Martin’s Lehrer Philippe Descola. Mit „Jenseits von Natur und Kultur“ gibt Descola das Rahmenprogramm für die weitere Öffnung der Disziplin vor. Ich habe das Buch als Literaturkritiker studiert, den die historischen Entwicklungen der Ethnographie in ihrer Selbstreflexion, in einer in Wandlung begriffenen Schreib- und Forschungshaltung bereichern. Für Theoriefreudige gibt es ein empfehlenswertes Buch von James Clifford/Writing Culture. Auch die Descola-Schülerin Nastassja Martin vollzieht eine erkenntniskritische Bewegung vom Schreiben über „die Anderen“ hin zu einer dialogischen Praxis des Mithörens, Mitsehens, Mitlebens. Das Experiment führt zu einer Desillusionierung, ein bekannter Topos im Diskurs des Writing Culture. Bei Descola ist das empfehlenswerte Kapitel „V. Ökologie der Beziehungen“.

J. Henry Fair: Industrial Scars. The Hidden Costs of Consumption. Papadakis

Der amerikanische Fotograf J. Henry Fair betrachtet die Wunden des Industrialismus von oben. So entwirft er auf seinen Weltreisen eine Ästhetik der ökologischen Krise in globaler Perspektive. Im ethnologischen Kontext entspricht der „skandalöse“ Widerspruch von Bildfaszination und Zerstörung durchaus dem einer ontologischen Ethnografie, die das Faszinosum der „Fremde“ in einer Perspektive der Nähe präsentiert. Allerdings verschweigt Nastassja Martin auch nicht die ökonomische Wirklichkeit des Rohstoffkapitalismus. Der stillschweigende Komplize des westlichen ethnologischen Projektes erscheint in Gestalt einer Nickel-Mine, die das Waldleben der Even massiv bedroht.

Cover Industrial Scars von J Henry Fair

Die Nickel-Mine in Kamtschtatka ist im Fotobuch von J. Henry Fair nicht dabei, die abgebildeten Minenlandschaften auf dem Cover und das Zitabeispiel aus dem Fotobuch liegen in Spanien und Mexico. Aber gerade vor solchen Anblicken fürchtet sich der Sohn des letzten Schamanen der Even, von dem Nastassja Martin von „Im Osten der Träume“ berichtet.

Abbildung aus Buch von J Henry Fair

J. Henry Fair war bei einem unserer 3 großen Climate Cultures Festivals in Berlin dabei. Es hieß „Planet schreibt zurück! 2021“ und Yuma Carpenter-New kuratierte die Fotoausstellung

Der habilitierte Sozialphilosoph Karl Reitter nimmt den sogenannten Klimaalarmismus und in seinen Augen wissenschaftlich nicht ganz geheure Akteure wie das IPPC und das PIK oder auch die FFF auseinander, bezweifelt die Dramatik der Lage und sieht keinen Grund zur Panik. Da Klima die Statistik des Wetters sei, weist er dies statistisch nach, weil es statistisch gar keine Steigerung von Fluten, Waldbränden, Dürren gäbe. Der Klimaalarmismus ist in seinen Augen die Lobby für einen Green New Deal, der wiederum nur auf einen Akkumulationszyklus des Kapitalismus abzielt. Ich denke drüber nach… allein es ist Mitte April im Jahr 2024 in Berlin, Waldmeister, Kastanie, Maiglöckchen bühen. Es ist Krise im ökologischen Busch.

Der Gründer der Foundation on Economic Trends ist ein Guru des globalen Green New Deals. Er sieht einen Kipppunkt des ölbasierten Wirtschaftens für 2028 voraus, in der Folge Billionenwerte von strandet assets der fossilen Wertschöpfungskette. Der Weg aus der globalen Rezession seien die erneuerbaren Energien und wer hier realistisch sein will, folge der Avantgarde EU und China. Wer beim Green New Deal mitreden will oder muss, sollte die 23 Schlüsselinitiativen ab S. 257 durchchecken. Fünf Jahre nach Erscheinen des Buches sind erste Prüfungen der Prognosen möglich: auf der COP28 jedenfalls sah es nicht nach geordnetem Rückzug aus dem CO2-Business aus. Hier mein Interview mit Angelina Davydova über Russland auf der COP28:

Table Ann Pettifor

Auf unserem Climate Cultures Festival 2022 „gegen!blicke!“ diskutierte Ann Pettifor mit dem südafrikanischen Ökonomen Awande Buthelezi auf Panel 1

Die Ökonomin und Direktorin von PRIME (Policy Research in Macroeconomics) ist Vordenkerin eines britischen Green New Deals, der sich gut in der Parole „Systemwandel statt Klimawandel“ beschreiben lässt. Angestrebt wird eine nachhaltige globale Wirtschaftsweise, wozu sie zahlreiche reale Möglichkeiten darstellt. Wesentlich sei die Transformation nicht nur des Energiesektors, sondern vor allem des Finanzsektors, international und im eigenen Land. Das ist schon ein linker Großangriff. Premier Kunak is not amused! Schließlich verdankt er seinen privaten Reichtum gerade dem unregulierten globalisierten Finanzsystem und wird seine politische Macht gewiss nicht dazu missbrauchen, dieses System zu stürzen. Vertreter des Systems wie Trump, Merz, Macron, Milei an den politischen Hebeln der Macht, diese Personalunion fällt ja derzeit wirklich auf. Warum ist das wohl nötig?  

Ornament schwarz

Climate Fiction – Writing Climate

Hier bei Lesen & Schreiben werden immer wieder Bücher empfohlen oder ins Gespräch gebracht, die mit dem Klima zu tun haben. Und naturgemäß insbe-sondere mit der Erderhitzung und ihren Folgen. Im größeren Rahmen handelt es sich um Literatur einer Schreibbewegung, die sich entschieden und in allen denkbaren Formen und Genres mit dieser Frage auseinandersetzt.

Die Cover all der europäischen Climate Fiction Titel, die wir auf dem Climate Fiction Festival 2020 im Literaturhaus Berlin vorgestellt haben.

Als ich diese Literatur in einer wesentlichen internationalen Strömung entdeckt habe, wurde sie meist als Climate Fiction oder CliFi beschrieben. Heute fasse ich diese Literatur breiter und ordne sie unter dem Begriff Writing Climate ein. Aber 2020, als ich mit dem Climate Cultures network berlin und dem Literaturhaus Berlin das weltweit erste Climate Fiction Festival veranstaltet habe, da ging es tatsächlich um cli fi im engeren Sinn.

Hier mein cli fi Artikel auf unserer Climate Fiction Festivalwebsite

Eine der wichtigsten Autorinnen der Harlem Renaissance mit ihrem Hauptsitz New York schreibt hier fiktional über eine historische Flutkatastrophe am Mississippi, wo es seit langer Zeit eine tiefe und wuchtige Literatur über die Fluten und ihre Auswirkungen auf die schwarze Bevölkerung gibt. Und dies ist einer der besten Romane aus dieser Tradition, der sich auch bestens im Kontext einer neuen Klimakultur lesen lässt.

Ich habe über Annie Proulx schon einiges geschrieben und bin immer wieder erstaunt, was sie auch heute in ihrem hohen Alter frisch aufs Papier bringt. Sie schafft es sogar noch in die höchsten Ränge, 2022 Best Book of the Year beim New Yorker. Ich verweise auf meinen letzten Text in Sachen Annie Proulx: https://friendica.me/display/78ea265d-1566-0b2b-c6c5-82e610894289

Das Wasser steigt – die Welt geht unter, und Boyle’s Protagonisten des heutigen American Way of Life machen weiter wo sie waren, wo sie sind und wo sie immer sein werden. Egal was kommt, ein Drink muss sein, nach dem Umzug aus Kalifornien an die Wetlands in Florida wird ein Python gekauft, nach einem Supersturm wird gefeiert, nicht der Sturm, sondern der Eintritt ins Pensionistendasein. In „Ein Freund der Erde“ haben Boyle’s Protagonisten noch für die Umwelt gekämpft, jetzt sind sie reif. Auch T.C. Boyle ist reif, als Erzähler, und mir wird immer klarer, was einen guten Schriftsteller ausmacht: Er muss die Menschen lieben. Bis zum bitteren Ende.

Die lyrische Arbeit am Wasser insbesondere wenn es gefährlich ist hat Tradition in den US. Allein über „Katrina“ habe ich vier Gedichtbände entdeckt und gelesen. Jetzt rückt Miami ins Licht der Climate Fiction – in einer lyrischen Formation: Der Gay-Aktivist und Lyriker Gabriel Ojeda-Sagué stellt eine Reihe von Gedichten über die Gefahr des Verlustes zusammen, Miami wird untergehen. Und damit eine schöpferische Sprachkultur zwischen Spanisch und Englisch, das klimapoetische Subjekt in diesem Werk. Hier scheint ein spezieller Trend der amerikanischen queer-poetry auf: Susanne Eules erhielt 2023 den Nature Writing Preis für einen Gedichtzyklus über Miami in Deutsch & Englisch. Leider fand ich kein Buch von ihr. Bei der Preisverleihung im silent green in Wedding habe ich ein paar Proben gehört. Vorerst gibt es also „Losing Miami“.
https://www.ojedasague.com/shop

Ein Roman aus dem Jahr 2014 aktuell? Of course, es geht hier um die soziale Dimension einer Flutkatastrophe, das betrifft immer mehr Menscchen auf der ganzen Welt. Im Süden der US vor allem die Armen. Arm ist dort immer noch eine Mehrheit der schwarzen Bevölkerung, in diesem Sinn ist Jesmyn Ward’s Roman exemplarisch. In „Vor dem Sturm“ ist es eine Entscheidung des alleinerziehenden Vaters, trotz Hurrican-Warnung zu bleiben, im historischen Fall „Katrina“ 2005 blieben ebenfalls viele, weil sie nicht ihr gesamtes unversichertes Hab & Gut aufgeben konnten. Das Ergebnis nach dem Sturm ist bekannt. Ich war in New Orleans für eine Recherche über die Fluten-Romane in der Black Literature, sie sind eine realistische Vorstufe der Climate Fiction. Leider war Jesmyn Ward damals nicht im Süden.
https://www.deutschlandfunk.de/suedstaatenroman-jesmyn-ward-vor-dem-sturm-100.html

Ich glaube, Michel Jean ist mit seinen Romanen über das Leben der nordkanadischen Innu durch die Frankfurter Buchmesse 2021 bekannter geworden. Ich habe mich in meiner Radioarbeit mit den kanadischen Inuit beschäftigt und gelernt, dass der strukturelle Rassismus auch in Kanada längst nicht überwunden ist. Die Innu sind natürlich nicht die Inuit. Michel Jean ist ein Innu und ein anspruchsvoller Romancier. In dieser Anthologie versammelt er junge Talente der Innu zwischen Nature Writing und Climate Fiction. Der Wieser Verlag machte sich schon verdient um den großen indigenen Autor vor allem auch mit der Edition von „Der Wind erzählt noch davon“, in dem es um kulturellen Genozid und die berüchtigten Residental Schools geht. Hier meine Besprechung auf friendica:

„Empusion“ konnte ich noch nicht fertig lesen. Ich erinnere mich an einige starke Züge am Anfang, eine gut komponierte Eröffnung und die klug entwickelte Wanderungsbewegung eines Textes zwischen Plot, historischem Exkurs und einer intertextuellen Schicht von motivischen Referenzen. Gewandert wird auch im polnischen Sanatorium, das an den Schauplatz des deutschen „Zauberberg“ erinnert. Vor allem aber wandert die Autorin exegetisch durch ein Panoptikum literarischer Misogynie, das ihre kranken Charaktere und deren Umgebung untermalt. Und auch brandmarkt. Ob das feministische Ressentiment die literarische Qualität unterläuft? Bei einer Autorin von Weltklasse unmöglich.

Ihr könnt diesen Roman auch übersetzt haben – George Turner: Sommer im Treibhaus, Science-Fiction Roman. Deutsch von Michael Koesler. Erstausgabe in Phantastische Bibliothek suhrkamp 1991. Was soll ich viel sagen? Für mich einer der Besten. Der Australier George Turner war übrigens auch mal Journalist. Fundiertes Wissen über den Krieg der Klassen in einer mehrstufigen Fluten-Story aus der ferneren Zukunft erzählt, als es längst keine Klassen mehr gibt und die Klimafrage gelöst wurde. Aber heiß ist es doch! Ich habe das von mir kuratierte Climate Fiction Festival 2020 in Berlin als Literaturkritiker mit einem Panel über George Turner eröffnet. Sieglinde Geisel komplementierte mit einem visionären Roman über den philosophischen Gorilla Ismael und Axel Goodbody sprach über Das Flugverhalten der Schmetterlinge von Barbara Kingsolver. https://www.climate-fiction-festival.de/programm.html

Malaqua, Schlechtes Wasser, 1977 von einem jener begabten Journalisten veröffentlicht, die in ethischer Notwehr gegen die Ignoranz ihrer Redaktionen literarisch zu schreiben beginnen. Nur einen guten Roman in diesem Fall, über einige Tage in Neapel, an denen das Wasser nicht aufhört zu steigen, während ein Journalist (Erzähler) mit wachen Sinnen im Gestank und Chaos der Flut das Spiegelbild der Gesellschaft erblickt. Gut informierte Journalisten kannten damals schon das Problem mit der Erderwärmung, das später die Öl-Lobby mit List und Tücke und Milliarden von Dollars unter den Tisch kehrte. Ich las Malaqa übrigens im September 2023, als in den Sozialen Medien Tag für Tag neue Videoclips über reissende Fluten von China bis nach Somalia erschienen. Jeden Tag eine Flutkatastrophe, auf allen Kontinenten. War niemand eine journalistische Einordnung wert, bis heute.

1962 erschien The Drowned World, es wurde mehrfach übersetzt, jetzt wieder neu, wirklich gut und wirklich begründet, denn es ist ein Ur-Text dystopischer Fluten-Romane. Geogeschichtlich verfolgt die Fiktion einer damals vorgestellten Zukunft das, was wir real als beschleunigten Klimawandel beobachten. Allerdings ist bei J.G. Ballard der Auslöser für den Anstieg des Meeresspiegels ein Sonnensturm, nicht die Erderhitzung durch Klimagase. Insofern könnte dieses Werk sogar von den Leugnern der menschengemachten Klimawandels gekapert werden, denn sie sind auf der Suche nach einer kulturellen Basis für ihr Lügengebäude. Aber nein, er gehört der Klimakultur! Ein Klassiker des Climate Writing.

Maggie Gee gehört zur Créme der anglophonen Climate Fiction. Mich wundert, dass diese Britin nicht übersetzt ist, jedenfalls nicht gemäß ihrer visionären Kraft und literarischen Raffinesse. Ich fand einen Titel in Übersetzung, Verlorene Kinder bei Goldmann, den hab ich leider nicht gelesen. Aber The Flood, das habe ich gelesen und ich finde es ist einer der besten Romane über das Phänomen der Flut. Lest ihn auf Englisch oder – Verlagsmensch mit Feeling: ÜBERSETZE ihn endlich! Das ist ein Klassiker der Climate Fiction. Mehr zu Maggie Gee auf der Website des Climate Fiction Festivals:
https://climate-fiction-festival.de/maggiegee.html

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