Abgeschminkt. Die Macht der Satire

Der Sultan ist der Souverän, aber die Geschäfte führt der Wesir. Und die laufen am besten im grenzenlosen Raum der absoluten Macht, die er, einmal erlangt, nie wieder loslassen darf. Denn die absolute Macht ist auf Ewigkeit gebaut, zumindest glaubt das der Wesir, weil er sie geschmeckt und sein Leben lang ausgekostet hat. Der rumänische Politiker und Satiriker Stojan Michailowski erstattet Bericht über die tiefsten Geheimnisse des Wesirs, in seinem grandiosen „Buch für das rumänische Volk“ von 1897. Michailowski hat seine radikale Machtkritik als Satire kunstvoll in sechshebigen Jamben verfasst, Ilija Trojanow hat alles in Prosa nachgedichtet und mit einem selbst kuratierten Diskurs versehen. 

Die Story: In fünfzehn Tagen und Nächten deckt der Wesir seine Karten auf, dem Neffen und Erben schlackern die Ohren, letzte Regungen von Menschlichkeit und Illusionen humaner Regierung sterben dahin, in der orchestrierten Suada der Unmoral bleibt nur die nackte Gier der Macht. Der Alte ist das Böse pur, aber Herrschaft will gelernt sein und also lernen wir mal mit. Entscheidende Machttechniken sind: systematische und unaufhörliche Verblödung des Volkes, so dass es Gefallen an seiner Unterdrückung findet, unentwegte Verbreitung von Angst und Misstrauen im Palast, auf dass niemand sich mit anderen verschwören kann, rücksichtslose Gewalt und illustre Grausamkeit beim geringsten Aufscheinen von Kritik und vor allem die Beförderung von Gier und Laster durch die Duldung der offensichtlichsten Korruption. 

»Um zu obsiegen, musst du Übel in die Herzen pflanzen und jede natürliche Regung unterbinden. Ja, du hast recht vernommen: Ziehe die ehrenwerten und gutmütigen Gefühle durch den Schlamm der niederen Instinkte, unterdrücke ohne Gnade jeden Ausdruck von Mut und Tapferkeit, stachele die Heimtücke an und belohne die Kriecherei, betrachte jegliche Unabhängigkeit als Verfehlung, belohne großzügig jede Denunziation, verurteile die Irrlehre jedes freien Gedankens, erniedrige die Unbestechlichen, mache dich lustig über jedes Ideal und verspotte jeden guten Willen, beende jede öffentliche Unternehmung mit einem saftigen Betrug oder einem handfesten Verrat, so wirst du Erfolg haben, mein Kind, und deine Herrschaft wird auf einem Fundament ruhen, das stärker ist als jeder Granitfels.«

Es wird den Lesern ein leichtes sein, in den zahlreichen um den Wesir kriechenden und pointiert beschriebenen Charaktermasken, Karrieristen und Speichelleckern die Besetzung der realen politischen Bühne wiederzuerkennen. Das ist der brillante Zauber literarischer Satire, das erfrischt in dunklen Zeiten, das macht die machtgeilen Zombies unserer politischen Bühne so lachhaft wie sie wirklich sind und damit moralisch verdaulich, auch wenn uns das Lachen über ihre dreiste Dummheit angesichts der echten Gefahr bisweilen im Halse stecken bleibt.  

Trotzdem, der echte, reale Wert dieses Buches ist einmal mehr der Nachweis einer höheren Macht, das ist die Macht der Literatur. Sie hat die Maskeraden schon längst durchschaut, wir haben das alles schon gelesen und können es wieder lesen, was sind die schamlos dreisten, geldgierig charakterlosen Populisten der politischen Bühne anderes als Marionetten im göttlichen Fadenspiel eines Shakespeare – oder Michailowski. Aber natürlich, ich glaube dem Wesir aufs Wort: 

„Du solltest meine Worte ernst nehmen. Nicht als Anekdote oder Fabel, nicht als Übertreibung oder Zungenfertigkeit, sondern für bare Münze. Der Raub – im großen Stil, für fette Beute, als runde Sache, ist eine Institution des Staates.“ 

Das Buch fährt zweigleisig: Auf der rechten Seite, in blauer Schrift, erklärt der Wesir seinem Neffen die Intrigentechnik seiner Herrschaft und die Strategien der absoluten Macht; auf der linken Seite zitiert Ilija Trojanow in Rot einen selbst kuratierten  Machtdiskurs, Geschichte und Rhetorik von Totalitarismus und Faschismus. In diesem Zitatenschatz der Machtapologetik erscheinen abendländische Vordenker und Potentaten wie Augustinus, Nietzsche, Machiavelli, Hobbes und Hitler oder Carl Schmitt, auch Klassiker aus Indien und China, dem alten Rom und Griechenland; als Gegentext der Kritik Heinrich Heine, Byung Chul Han, David Graeber, Bonhoefer und Hannah Arend und viele mehr.

East meets West, ein erhellender Exkurs in die geheimen Dunkelkammern der Macht und dabei wird klar: Die Schamlosigkeit der Mächtigen und Reichen, wie sich uns heutzutage immer protziger präsentiert, ist keine historische Zuspitzung politischer Dekadenz, sie ist der Stil jeder Macht, die sich für absolut erachtet, aber sie ist Fiktion. Nur die Satire ist real.